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Oktober 2015

Abbruch dreier Hochhäuser

„Urban Mining” in Marl-Hüls

Gemeinsam für eine effiziente Ressourcengewinnung: (v.l.n.r.) Michael Wachholtz (Freimuth Abbruch und Recycling GmbH), Jörg Schiffner (Tönsmeier Kunststoffe GmbH & Co. KG), Michael Vetter (Rewindo GmbH), Nadia Hellmons, Dr. Jochen Zimmermann (beide Arbeitsgemeinschaft PVC-Bodenbelag Recycling) (Bildrechte Rewindo)
Moderner Rohstoffabbau im Sinne des „Urban Mining“: Mitarbeiter der Freimuth GmbH sichern PVC-Bodenbelag für die Wiederverwertung (Bildrechte AgPR)
Moderne Rohstoffquelle: Hochhäuser an der Max-Reger-Straße während des Rückbaus, davor: ausgebaute PVC-Fenster für das Recycling (Bildrechte Rewindo)

Marl (dialoginar) – In der Stadt wertvolle Rohstoffe abbauen: So kann man vielleicht die Grundidee des „Urban Mining“ als Lösungsansatz für eine effiziente Ressourcengewinnung in der Zukunft auf den Punkt bringen. Für diesen „Bergbau“ mitten in der Stadt wird jedoch weder in Minen noch in Abbaugruben geschürft. Das zu hebende Wertstoffreservoir lagert vielmehr, von uns selbst angelegt, als einzelne Sekundärrohstoffe beispielsweise in Elektrogeräten oder Gebäuden und muss zur erneuten Nutzung erfasst, freigelegt und wiederverwertet werden.

Dass dieses Konzept der Wiedergewinnung von Wertstoffen nicht nur bloße Zukunftstheorie, sondern bei vielen Abbruchprojekten längst gängige Praxis ist, zeigt aktuell der selektive Rückbau dreier Hochhäuser an der Max- Reger-Straße im Marler Stadtteil Hüls, der im Auftrag der Neuen Marler Baugesellschaft mbH (Neuma) durchgeführt wird. „Gehoben“ werden konnten aus den in den 1960er Jahren errichteten Gebäuden durch die Freimuth Abbruch und Recycling GmbH aus Bülkau neben Metallen und Beton insbesondere eine große Menge Bodenbelag und Fenster aus dem Werkstoff PVC. Alle Fraktionen eint eine für das „Urban Mining“-Konzept eminent wichtige Eigenschaft: Die sehr gute Wiederverwertbarkeit. So wird der wiedergewonnene Beton direkt vor Ort gebrochen und aufbereitet, um dann für die Verfüllung der Keller genutzt zu werden. Die Metalle werden getrennt und bei Fachfirmen eingeschmolzen. Und auch für den PVCBodenbelag und die Kunststofffenster gilt, dass sie problemlos recycelt werden können und aus ihnen ein Rohstoff entsteht, der ohne Qualitätsverlust wieder verwandt werden kann.

Nico Lührs von der Firma Freimuth sieht neben dem Umweltaspekt jedoch auch weitere Anreize, die bei Rückbauten für das „Urban Mining“ sprechen: „Der größtmöglichen und umweltgerechten Wiederverwertung der anfallenden Materialen gilt immer unser besonderes Augenmerk. Natürlich hat das auch fiskalische Gründe. Um eine kosteneffiziente Abwicklung zu gewährleisten braucht es verlässliche Partner und gut funktionierende Recyclingsysteme, auf die wir bauen können. Beim PVC-Bodenbelag und den Kunststofffenstern haben wir über Jahre gute Erfahrungen gesammelt, so dass wir auch beim aktuellen Projekt in Marl gerne darauf zurückgegriffen haben.“

Im Falle der etwa 20 Tonnen PVC-Bodenbeläge, die aus den insgesamt 138 Wohnungen entfernt wurden, ist dies die vor Ort in Marl ansässige Arbeitsgemeinschaft PVC-Bodenbelag Recycling (AgPR). Seit nunmehr 25 Jahren sammelt die AgPR bundesweit und mittlerweile auch in einigen europäischen Nachbarländern gebrauchte PVC-Bodenbeläge, die in der AgPR-eigenen Anlage im rheinischen Troisdorf werkstofflich recycelt werden. Gewonnen wird dabei als Produkt ein PVC-Feinmahlgut, das bei Eignung wieder zur Produktion von neuen PVC-Fußbodenbelägen verwendet wird. Ein Engagement, das sich nach Meinung von AgPRGeschäftsführer Dr. Jochen Zimmermann ganz im Sinne der „Urban Mining“-Idee schon lange auch gesamtgesellschaftlich lohnt: „Seit einem Vierteljahrhundert sind wir bereits in der Lage, den Werkstoff sortenrein zu erfassen und zu recyceln. Dabei betreiben wir seit dieser Zeit weltweit das einzige Recyclingsystem, das PVC-Beläge kontinuierlich verwertet und sind zudem bislang komplett ohne öffentliche Subventionen ausgekommen. Wir bieten also im besten Sinne eine für die Gesellschaft nachhaltige Recyclinglösung an.“

Auch aus den über 500 ausgedienten PVC-Fenstern der Gebäude ist mittlerweile neuer Rohstoff entstanden. Verantwortlich hierfür ist - bei einem Projekt der Freimuth GmbH auch nicht zum ersten Mal - die Tönsmeier Kunststoffe GmbH & Co. KG aus Höxter. In den hochmodernen Recyclinganlagen wird dort aus den alten Rahmen ein PVC-Mahlgut hergestellt, das als Ausgangsmaterial für hochwertiges, fast 100 Prozent sortenreines Granulat verwendet wird. Das Ergebnis dient als qualitativ gleichwertiger Rohstoff für die Herstellung von neuen Fenster- und Bauprofilen. In neuen Fensterprofilen ist der wiedergewonnene Rohstoff schließlich als Recyclingkern zu finden. „Jede Tonne PVC-Recyclat, das in der Profilherstellung zum Einsatz kommt, spart im Vergleich zu Primär-PVC rund 1,87 Tonnen C02. Damit trägt unser Produkt neben der Ressourcenschonung auch deutlich zum Umweltschutz bei“, so Jörg Schiffner, der das Projekt für Tönsmeier in Marl betreut. Das Unternehmen ist einer der Recyclingpartner der Rewindo GmbH mit Sitz in Bonn, die seit 2002 das Recycling alter Kunststofffenster, -rollladen und -türen bundesweit mit wachsendem Erfolg organisiert. So konnten 2014 fast 1,5 Millionen alte Kunststofffenster wiederverwertet und dabei die Menge gegenüber 2013 noch einmal gesteigert werden. Um diese Menge weiterhin erhöhen zu können, setzt Geschäftsführer Michael Vetter auch auf die konsequente Umsetzung der „Urban Mining“-Idee: „Wir sind davon überzeugt, dass Sekundärrohstoffen mit hoher Qualität eine immer bedeutendere Rolle für die Produktion zukommen wird. Eine noch engere Zusammenarbeit u.a. mit der Abbruchbranche als unserem Rohstofflieferanten wird daher in der Zukunft ein immer wichtigerer Baustein für den Erfolg unserer PVCRecyclingsysteme werden.“